Für die Menschen, für Westfalen-Lippe

Jugendliche lernen Umgang mit Alkohol und Nikotin schon in der Familie

Dr. Moritz Noack, Oberarzt in der Abteilung für Suchttherapie, LWL-Universitätsklinik Hamm.
Dr. Moritz Noack, Oberarzt in der Abteilung für Suchttherapie, LWL-Universitätsklinik Hamm.

 

Welche Möglichkeiten der Unterstützung gibt es beim Ausstieg aus der Sucht? Die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL) hat unter dem Titel „Suchttherapie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ am 21. Juni ein Symposium für Fachkräfte in der Beratung und Jugendhilfe, Ärzte und Therapeuten auf ihrem Klinikgelände in Hamm veranstaltet. „Neben der Informationsvermittlung ist es ein wichtiges Ziel, dass die Anlaufstellen im Suchthilfesystem sich gegenseitig gut vernetzen“, erklärt Dr. Moritz Noack, Oberarzt in der Abteilung für Suchttherapie, LWL-Universitätsklinik Hamm. Rund 50 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, sich zu informieren und eine Führung über die Stationen zu machen. Am Nachmittag wurden Workshops angeboten, in denen auch die Angebote der Klinikschule sowie der Arbeitstrainingswerkstatt vorgestellt wurden.

 

Im Gespräch mit Dr. Noack möchten wir über Suchtprobleme bei Jugendlichen, Bedingungen für eine erfolgreiche Suchttherapie sowie über die Angebote der LWL-Universitätsklinik Hamm informieren.

 

Herr Dr. Noack, welche Drogen sind derzeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet?

Noack: Am häufigsten konsumiert werden die Substanzen Alkohol und Nikotin, die zwar nicht für jedes Alter, aber in der Gesellschaft am leichtesten verfügbar sind. Cannabis ist darüber hinaus die häufigste  illegale Droge, die konsumiert wird. Oft werden Drogen heutzutage verwendet, um auf Partys aktiv zu sein, positive Erfahrungen im Drogenrausch zu machen, aber auch Stress und Konflikte abzubauen: Deshalb sind vor allem entspannende Drogen wie Cannabis, Nikotin und Alkohol, aber auch stimulierende Drogen wie Amphetamine (Speed) und Ecstasy angesagt. Weitere Drogen wie Kokain und Heroin spielen heutzutage eher eine seltene Rolle bei Jugendlichen. Eine kleinere Gruppe experimentiert darüber hinaus mit diversen chemischen und pflanzlichen Drogen.

 

In welchem Alter kommen die Jugendlichen in Kontakt mit diesen Drogen?

Noack: Das hängt sehr davon ab, wie verfügbar die legalen und illegalen Substanzmittel sind. Bundesweite Befragungen in der Bevölkerung zeigen, dass mit 14 Jahren Alkohol und Nikotin ausprobiert wird, sowie mit 16 Jahren die ersten Erfahrungen mit Cannabis gemacht werden. Dabei wird der Umgang mit Alkohol und Nikotin häufig zuerst in der Familie gelernt. Illegale Drogen auszuprobieren, gehört am Beispiel des Cannabis mittlerweile auch häufig zur Entwicklung im Jugendalter. Das gilt natürlich nicht für alle Drogen, vor allem weil 80 % der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, keine weitere illegale Droge probieren. Eine kleine Subgruppe ist aber gefährdet auch weitere Drogen zu konsumieren, soziale und psychische Schäden sowie Abhängigkeiten zu entwickeln. Diese Gruppe von Jugendlichen beginnt meistens schon viel früher Alkohol, Nikotin und Drogen zu konsumieren. Für diese Jugendliche gibt es Beratungs- oder Therapieangebote wie zum Beispiel das „Drug-Out“-Programm in der LWL-Universitätsklinik Hamm.

 

Wie erkenne ich als Elternteil, dass mein Kind behandlungsbedürftig ist?

Noack: Am ehesten, wenn sich das Kind zurückzieht, sich in der Persönlichkeit verändert sowie in der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis Schwierigkeiten bekommt. Oft passieren diese Veränderungen allerdings schleichend und der Drogenkonsum wird verheimlicht. Dann kommt man erst allmählich dahinter. Drogenkonsum offen in der Familie anzusprechen, ist schwierig – ist aber wichtig, um gegenseitige Erwartungen und Grenzen zwischen Eltern und Kindern zu besprechen. Sollte das nicht mehr gelingen, ist Hilfe und Beratung durch eine externe Stelle häufig notwendig. Eine Behandlungsbedürftigkeit ergibt sich meist erst viel später, wenn anhaltende schädliche Konsummuster oder Abhängigkeitserkrankungen bereits entstanden sind.

 

An wen können sich Betroffene oder deren Eltern wenden?

Noack: Es gibt viele unterschiedliche Ansprechpartner im Helfersystem. Spezifisch auf Drogenkonsum ausgerichtet sind Suchtberatungsstellen. Auch Erziehungsberatungsstellen und die Jugendhilfe beschäftigen sich viel mit dem Thema oder können weitervermitteln. Auch im Internet gibt es zunehmend Beratungs- und Präventionsangebote (www.drugcom.de, www.elternberatung-sucht.de). Auf Beratungsangebote folgen später ambulante oder zumeist stationäre suchtspezifische Behandlungsangebote wie in unserer Klinik.  Wichtig  ist es, dass sich die Anlaufstellen im Suchthilfesystem gegenseitig gut vernetzen. Auch aus diesem Grund richten wir die Informationsveranstaltung „Suchttherapie“ jedes Jahr in der LWL-Universitätsklinik Hamm aus.

 

Wie sieht eine Behandlung aus?

Noack: Eine stationäre Suchttherapie ist für diejenigen Patienten notwendig,  die zuhause keine Abstinenz mehr herstellen können. Als erste Schritte folgen eine Entzugsbehandlung und der schrittweise Aufbau eines drogenfreien Alltags in der Klinik. Die Patienten lernen auch  alternative Alltags-, Stress- und Konfliktstrategien zu entwickeln für die vielen Situationen, in denen vorher die Drogen eingesetzt worden sind.

 

Gelingt vielen jungen Menschen der Ausstieg aus ihrer Sucht?

Noack: Die Beratungs- und Therapieerfolge sind unterschiedlich und neben der Motivation des Jugendlichen auch immer von der Unterstützung durch die Eltern, Familie, Freunde und andere Helfer abhängig. Generell kann man aber sagen: Je früher eine Beratung und Therapie begonnen werden kann – um so eher kann in einem positiven Verlauf eine schädliche Drogenkonsumphase oder Abhängigkeitserkrankung unterbrochen werden. Der Ausstieg fällt dann zumeist leichter. 

 

Was ist für einen erfolgreichen Ausstieg wichtig?

Noack: Häufig sprechen schon längere Zeit einige Punkte für einen Ausstieg aus dem Drogenkonsum. Dennoch schaffen  es viele Betroffene nicht von alleine aufzuhören. Hier ist Unterstützung durch Freunde, Familie, Suchtberater und Behandler notwendig. Wenn es den Betroffenen wirklich gelingt, den schädlichen Drogenkonsum als eine abgeschlossene Phase im eigenen Leben zu betrachten, sind mehr Kapazitäten für einen Neuanfang vorhanden.    

 

Welche Angebote bieten die LWL-Universitätsklinik Hamm, die LWL-Klinikschule und die Arbeitstrainingswerkstatt?

Noack: Im stationären Suchttherapie-Angebot „Drug-Out“ bieten zwei Stationen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie eine suchtmedizinische Rehabilitationsstation ein regionales und überregionales spezialisiertes stationäres Behandlungskonzept für Jugendliche und junge Erwachsene an. Durch die unterschiedlichen Stationen ist eine schrittweise Entwicklung in der Therapie in mehreren Stufen möglich. Die LWL-Klinikschule bietet mit der Möglichkeit, hier wieder in den Schulablauf integriert zu werden und auch einen Schulabschluss nachholen zu können, einen großen Anreiz. Für Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind oder den Anschluss zur Schule lange verpasst haben, bietet die Arbeitstrainingswerkstatt einen Wiedereinstieg in eine regelmäßige Betätigung.

 

Wie sieht eine erfolgreiche Nachbehandlung aus?

Noack: Vor einer Rückkehr in die alte Umgebung ist es wichtig, die familiären und sozialen Beziehungen zu überprüfen, da diese durch den Drogenkonsum häufig gelitten haben. Das Risiko für einen Rückfall in alte Verhaltensschemata ist am alten Wohnort häufig am höchsten. Deshalb ist diese Rückkehr gut vorzubereiten. Für einige Jugendliche bieten auch spezialisierte Einrichtungen der Jugendhilfe, wie etwa das „Auxilium“ unseres Kooperationspartners Malteser Werke Hamm, nach der Klinik eine wichtige Alternative, um weitere Schritte zurück in die Gesellschaft zu erlernen.

 

Gibt es eine frühe Aufklärung über Suchtprobleme bereits in den Schulen?

Noack: Ja, die gibt es zum Glück und diese sollte aufrechterhalten werden. Der Umgang mit Suchtmitteln ist immer auch ein gesellschaftliches Thema. Allerdings gilt nicht nur allgemeine Aufklärung oder Prävention in der gesamten Bevölkerung, sondern insbesondere selektive Prävention in Risikogruppen sowie auch die Schaffung von vorbeugenden gesetzlichen Bestimmungen wie beispielsweise das Nichtraucher-Schutz-Gesetz als erfolgversprechend. Erfreulich ist, dass auch durch solche Maßnahmen das Rauchen bei Minderjährigen in den letzten Jahren zunehmend rückläufig ist.