Für die Menschen, für Westfalen-Lippe

Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen und exzessivem Medienkonsum

Volker Mauck, Oberarzt der Klinik, stellt das neue Behandlungsangebot "Medienabhängigkeit Plus" vor.

Pressemeldung vom 16.04.2018
LWL-Uniklinik Hamm bietet neues Behandlungskonzept an

 

Hamm (lwl). Unter dem Titel „Medienabhängigkeit+Plus“ bietet die kinder- und jugendpsychiatrische Universitätsklinik Hamm des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) Unterstützung für Kinder und Jugendliche, die neben einer psychischen Erkrankung auch unter den Folgen eines exzessiven Medienkonsums leiden. Im Gespräch mit Volker Mauck, Oberarzt der Klinik, stellen wir das neue Behandlungsangebot vor.

 

Was versteht man unter Medienabhängigkeit+Plus?

Volker Mauck: Das Störungsbild der Medienabhängigkeit ist ein relativ junges Phänomen im Zusammenhang mit der zunehmenden Verfügbarkeit elektronischer und sozialer Medien. Die dazugehörigen Stichworte sind allseits präsent: Computer, Handy, Smartphone – Internet, Online-Spiele, Facebook, WhatsApp. Hauptsymptom dieses Störungsbildes ist der exzessive Mediengebrauch und dadurch ausgelöste Probleme. Diese Probleme können zu psychischen und körperlichen Krankheitssymptomen führen, die einer Behandlung bedürfen. Häufig ist der exzessive Mediengebrauch aber auch Symptom einer zugrundeliegenden psychischen Störung. In diesen besonders schweren Fällen empfehlen wir eine stationäre oder teilstationäre Diagnostik und Behandlung. Das ist die Aufgabe des Behandlungskonzeptes Medienabhängigkeit+Plus.

 

 

Welches Nutzungsverhalten ist „normal“ und wann sprechen Fachleute von einer Medienabhängigkeit?

Volker Mauck: Wie bei allen Abhängigkeitserkrankungen muss zunächst unterschieden werden zwischen schädlichem Medienkonsum und einer echten Abhängigkeit. Bei schädlichem Konsum kommt es zu einer Beeinträchtigung der Alltagsaufgaben, wie beispielsweise Vernachlässigung von Schule, Hobbys und körperlichen Aktivitäten, Reduzierung von Kontakten mit Freunden und Familie und zunehmender Einschränkung von Interessen mit Fokussierung auf die Nutzung elektronischer Medien.

 

Inwiefern sind Patienten mit Suchtstörungen besonders betroffen?

Volker Mauck: Nicht selten liegt bei Jugendlichen mit exzessivem Medienkonsum auch ein Drogenmissbrauch vor. Dies nennen wir eine Begleiterkrankung. In diesen Fällen muss diese substanzbedingte Suchterkrankung mitbehandelt werden.

 

Gibt es Zahlen, die eine steigende Medienabhängigkeit bei Jugendlichen belegen?

Volker Mauck: Nach der neuen DAK-Studie erfüllen 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der sogenannten „Social Media Disorder Scale“, Mädchen mit 3,4 Prozent etwas häufiger als Jungen (1,9 Prozent). Auf alle 12- bis 17-Jährigen in Deutschland hochgerechnet entspricht dieser Prozentsatz etwa 100.000 Betroffenen. Laut Studie verbringen Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren durchschnittlich rund zweieinhalb Stunden täglich mit sozialen Medien.

Die Medienabhängigkeit selbst ist als eigenes Krankheitsbild noch nicht anerkannt. Jedoch zeigt sich eine deutliche Zunahme der Bedeutung von exzessivem Medienkonsum im Zusammenhang mit unterschiedlichsten psychischen Störungsbildern. Es treten aber auch zunehmend - im Zusammenhang mit exzessivem Medienkonsum - Abhängigkeitssymptome unterschiedlicher Schweregrade analog anderer anerkannter Suchterkrankungen auf. Dazu zählen ein zunehmender Kontrollverlust über den Medienkonsum, steigende Mediennutzungsdauer bis sich das Gefühl der Entspannung einstellt, erfolglose Versuche zur Reduzierung der Mediennutzung, Unruhe und erhöhte Reizbarkeit bei Reduktion der Mediennutzung und Bagatellisierung des Medienkonsums und der negativen Auswirkungen auf das familiäre und soziale Umfeld.

 

 

Wie leiden die Betroffenen unter ihrer Medienabhängigkeit?

Volker Mauck: Bedauerlichweise ist der Leidensdruck bei den Betroffenen häufig zunächst nicht so ausgeprägt, dass Sie eine eigene Motivation zur Behandlung haben. Die Sorge liegt viel häufiger bei ihren Angehörigen und ihrem sozialen Umfeld. Manchmal fällt es auch zunächst erstmal niemandem auf, da Jugendliche mit exzessivem Medienkonsum sich ja gerade aus sozialen Kontexten zurückziehen und sich damit der sozialen Kontrolle entziehen. Die Schulleistungen werden schlechter, der Schulbesuch wird unregelmäßig oder findet gar nicht mehr statt, soziale Kontakte sowie der eigene Körper und die Gesundheit werden vernachlässigt.

 

Warum bietet die Uniklinik jetzt eine stationäre Behandlung an?

Volker Mauck: Die primäre Beratung erfolgt in der Regel über die regionalen Suchtberatungsstellen, die sich bereits sehr gut auf dieses neue Phänomen und die damit verbundenen Risiken eingestellt haben. Dort erfolgen viele präventive Maßnahmen und eben auch die Beratung von Jugendlichen, Eltern und Pädagogen. Häufig sind zunächst auch primär pädagogische Maßnahmen ausreichend wirksam, solange es sich um einen schädlichen Medienkonsum handelt. Hier können auch bereits eine psychologische Beratung und die Empfehlung zur psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlung erfolgen. In einigen Fällen reicht aber eine ambulante Behandlung nicht aus, so dass zur Einleitung einer wirksamen Behandlung zunächst eine stationäre psychiatrische Diagnostik unter Medienabstinenz sowie eine längere stationäre oder teilstationäre Behandlung anderer psychischer Störungsbilder wie zum Beispiel Depressionen, Ängste, soziale Phobien, emotionale Störungen und ADHS erforderlich ist.

 

Wie sieht das Behandlungskonzept für diese Patienten aus?

Volker Mauck: Zunächst muss durch einen Kinder- und Jugendpsychiater oder einen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bei  Betroffenen mit exzessivem Medienkonsum ein stationärer Behandlungsbedarf festgestellt werden. Nach Anmeldung zur geplanten stationären Behandlung erfolgt eine ambulante Vorbereitung der stationären Aufnahme unter enger Einbeziehung der Familie, da die Überprüfung und Einbeziehung der vorhandenen Ressourcen des Bezugssystems eine zentrale Rolle im stationären Behandlungsprozess darstellt. In dieser Phase erfolgt auch die Unterstützung der Motivation des Jugendlichen, sich auf eine stationäre Behandlung einlassen zu können. Wir nennen dies Aufbau einer Veränderungsbereitschaft. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass das Behandlungsziel im Gegensatz zu anderen Abhängigkeitserkrankungen niemals vollständige Abstinenz ist, sondern die Wiederherstellung der Kontrolle über das eigene Medienkonsumverhalten und die Reintegration in die sozialen und familiären Bezüge. Im Einzelfall kann bei entsprechender Indikation auch eine stationäre Behandlung gegen den Willen des Jugendlichen erfolgen. Dies bedarf jedoch einer individuellen Prüfung und Planung durch unsere Institutsambulanz und einer familiengerichtlichen Genehmigung.

 

Wer ist die Zielgruppe für eine Medienabhängigkeit+Plus-Behandlung?

Volker Mauck: Das Angebot des Konzeptes Medienabhängigkeit+Plus richtet sich primär an Beratungsstellen, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten, die eine stationäre Behandlung des betroffenen Jugendlichen als erforderlich ansehen. Erste Anlaufstelle ist dann unsere Institutsambulanz (Telefon 02381 893-3000).

Pressekontakt

 

Klaudia Suilmann M.A.

Tel.: 02381 893-5018

Fax: 02381 893-1119

E-Mail: klaudia.suilmann@dont-want-spam.lwl.org

 

Postanschrift

Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
LWL-Universitätsklinik Hamm

Kinder- und Jugendpsychiatrie - Psychotherapie - Psychosomatik

Heithofer Allee 64

59071 Hamm

LWL-Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum

 

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im LWL-Psychiatrieverbund Westfalen

Heithofer Allee 64
59071 Hamm
Telefon: 02381/893-0
Telefax: 02381/893-1001
E-Mail: lwl-klinik.hamm@lwl.org


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